Was trägt er denn da? Ein interessantes Porträt mit einer kleinen Neuentdeckung
Trägerfotos sind für uns Sammler edlen und glänzenden Metalls ein wenig das Salz in der Suppe. Sie zeigen die Objekte unserer Begierde am lebenden Beispiel und illustrieren uns, um mit den Worten unseres Ex- Präsidenten zu sprechen, „hinter jedem Orden und Ehrenzeichen steht ein Mensch, der dieses erhalten hat“.
Vorliegendes Porträt samt dazugehöriger Ordensdekoration musste ich natürlich aufgrund des Anhalt- Bezugs ins Heimatland repatriieren.
Abb. 1: Porträt von Eugen Robert Weiss, in Essen aufgenommen
Wir sehen einen distinguierten Herrn mittleren Alters; gottseidank ist die Postkarte beschriftet und zusätzlich rückseitig mit einer Widmung versehen, so dass die abgebildete Person glücklicherweise aus der Anonymität heraustritt. Es handelt sich um den Kammersänger Eugen Robert Weiss. Der Lebenslauf ist auf einschlägigen Web- Seiten leicht nachlesbar, so dass hier darauf verzichtet werden kann.
Er trägt als einzige Dekorationen die Jubiläumsmedaille zur goldenen Hochzeit 1892 vom Großherzogtum Sachsen- Weimar- Eisenach und um den Hals den Anhaltischen Verdienstorden für Wissenschaft und Kunst, welcher dem Foto auch beilag.
Mit dieser Information „bewaffnet“, studierte ich die einschlägigen Quellen zu diesem Orden und wurde leider nicht fündig. Weder die Staatshandbücher, noch die Staatsanzeiger Anhalts bestätigten diese Verleihung an Weiss. Auch Altmeister Scharfenbergs beide Bücher zu den Anhaltinischen und ausländischen Trägern dieses Ordens führten ihn leider nicht auf.
Abb. 2: Rückseite mit der Widmung „Seiner talentierten, fleißigen Schülerin Frl. A. Dürnhofer, Zur Erinnerung an ER Weiss, München, Dez. 1917“
Allerdings erwähnt der Wikipedia- Artikel zu Weiss explizit seiner Ernennung zum Anhaltischen Kammersänger und datiert die Ordensverleihung auf 1913. Nun muss man wissen, dass der anhaltische Staatsanzeiger in der Regel nur Verleihungen von Orden und Ehrenzeichen an Anhaltiner listet. Die Verleihungen an Ausländer muss man sich leider ab 1912, dem Erscheinungsjahr des letzten Anhaltischen Staatshandbuchs mit kompletter Listung aller in- und ausländischen Inhaber von anhaltischen Dekorationen, mühsam aus Publikationen anderer Länder rekonstruieren.
Nun machte sich ein recht deutliches Déjà-vu bemerkbar. Ich verweise hier auf den Artikel zum Opernsänger Heinrich Knote in unserem Magazin Nr. 143.
Bereits hier konnte die Vermutung von Gerd Scharfenberg, dass der Verdienstorden für Wissenschaft und Kunst in der 3. Form bis 1918 auch an Personen anderer Staaten verliehen worden ist, als richtig bewiesen werden. Auch Heinrich Knote war Bayer und somit für Anhalt ein Ausländer. Die Nachforschungen zum vorliegenden Porträt von Eugen Robert Weiss, ebenfalls bayerisch gebürtig, ließen als Nebeneffekt nun auch die Verleihung des anhaltischen Ordens an Heinrich Knote aus zeitgenössischen Quellen belegen. Die Münchner Neuesten Nachrichten berichteten am 21.12.1916 über die Dekoration Heinrich Knotes mit der 1. Klasse des Verdienstordens für Wissenschaft und Kunst.
Leider ließ sich aus zeitgenössischen Quellen die Verleihung an Weiss bisher nicht belegen, neben den bayerischen wurden auch Publikationen anderer deutscher Bundesstaaten erfolglos bemüht. Entweder erfolgte keine Publikation dieser Verleihung, bzw. der Annahme- und Tragegenehmigung in den zu erwarteten Periodika oder Weiss hat sie einfach auch nicht bei seinem Souverän beantragt, oder – irren ist nun mal menschlich – ich habe den Beleg schlicht noch nicht gefunden oder auch überlesen. Aber vorliegendes Porträt, beiliegende Dekoration und auch die explizierte Nennung des Ordens in Wikipedia, wenn auch leider ohne Quellenangabe sollten genügen, Weiss in die Trägerliste aufzunehmen.
Nun zur zweiten kleinen Besonderheit. Wie wir sehen, trägt Weiss seinen Orden 2. Klasse nicht ordnungsgemäß an der Ordensschnalle neben seiner aus dem Engagement in Weimar von 1891-1893 resultierenden Jubiläumsmedaille, sondern mit der Rückseite nach vorn und obendrein um den Hals, wie eine 1. Klasse. Dies mag einem für Künstler durchaus zugestandenem etwas größerem Ego zugeordnet werden und uns heutigen Betrachtern außer einem leichten Lächeln keine Verurteilung der gebrochenen Vorschriften einbringen.
Dem Genießer edlen Metalls seien hier noch ein paar Daten zum Verdienstorden mitgeteilt.
Das vorliegende Exemplar des Ordens, vom Anhaltischen Hofjuwelier Otto Heinzelmanns Witwe über die Berliner Firma Jean Godet & Sohn bezogen, besteht aus vergoldetem Tombak, das Medaillon misst 34 x 40 mm und ist 4,8 mm dick, die Krone misst 21,9 x 18,6 mm, die Dicke beträgt 7 mm und das Stück wiegt 26,6 Gramm.
Abb. 3: Eugen Weiss´ Anhaltischer Verdienstorden für Wissenschaft und Kunst, leider ohne das markante Halsband
Scharfenberg konnte 25 Träger der 2. Klasse des 3. Modells des Verdienstordens für Wissenschaft und Kunst belegen und schätzt die Gesamtverleihungen wahrscheinlich etwas hoch auf 100. Die in Erstellung befindliche „Bärenliste“ weist mittlerweile 38 belegte Träger auf.
Der Vollständigkeit halber seien auch die Zahlen der anderen beiden Klassen genannt; bei der 1. Klasse konnte Scharfenberg 4 Träger benennen, mittlerweile können 10 belegt werden, bei der 3. Klasse kam unser Altmeister auf 9, inzwischen können 13 verzeichnet werden.
Abb. 4: Rückseite des Ordens
Bildnachweis:
Sammlung des Verfassers
1) https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Robert_Weiss
2) Zwischen Wörlitz und Mosigkau – „Verdiente Anhaltiner - Die Träger des anhaltischen Verdienst-Ordens für Kunst und Wissenschaft“, Dessau 1994 und „Verdient um Anhalt - Verleihungen des Herzoglich Anhaltischen Verdienstordens für Wissenschaft und Kunst an Persönlichkeiten außerhalb Anhalts“, Dessau 1998
3) Orden und Ehrenzeichen 25. Jg., Nr. 143, Februar 2023, S. 45ff