Eine bisher wohl unbekannte preußische Anerkennungsurkunde für 1864 - Der Nachlass Moritz v. Lettow-Vorbeck

Der vor einiger Zeit im süddeutschen Handel aufgetauchte Papier- Nachlass des Generalmajors Moritz v. Lettow-Vorbeck interessierte den Vf. aus mehreren Gründen; zum einen sind Urkunden zu Anhaltinischen Schwert- Orden nur sehr selten am Markt, zum anderen scheint die Urkunde zur „Allerhöchsten Belobigung“ für den Feldzug 1864 ein Unikum zu sein. Zum Dritten stellte sich nach Konsultation mit namhaften Preußen- Experten auch die Urkunde zum Roten Adlerorden 3. Klasse als kleine Besonderheit heraus.

Abb. 1: Moritz von Lettow-Vorbeck als Hauptmann im Anhaltischen Infanterieregiment 93

Abb. 2: Urkunde zum Hzgl. Anhaltischen Hausorden Albrechts des Bären, Ritter 1. Klasse mit Schwertern, ausgefertigt am 02.03.1871, Originalunterschrift Herzog Leopold Friedrich v. Anhalt

General Moritz v. Lettow-Vorbecks Lebensgeschichte ist schnell erzählt, er durchlief eine relativ unspektakuläre Karriere als Infanterieoffizier, in der er bis zum Regimentskommandeur aufstieg.

Als Sohn eines pommerschen Gutsbesitzers 1835 in Wangeritz geboren, war der Militärdienst für ihn quasi vorprogrammiert. Von seinen zwölf Geschwistern zog es einige zum Militär, zwei seiner Brüder wurden ebenfalls General, der bekannte „Löwe von Afrika“, General Paul von Lettow-Vorbeck, war sein Neffe.

Nach der obligatorischen Ausbildung im Kadettenhaus trat Moritz v. Lettow-Vorbeck 1853 in die Armee ein, zunächst beim 20. Infanterieregiment in Brandenburg, dann beim 24. Infanterieregiment in Spandau und ab 1860 beim 8. Brandenburgischen Infanterieregiment Nr. 64 in Prenzlau. 1861 wurde er Premierlieutenant; 1864 zog er mit seinem Regiment in den Deutsch-Dänischen Krieg, dazu später mehr.

Abb. 3: Urkunde Roter Adlerorden 3. Klasse mit Schleife und Schwertern am Ring, Berlin, 18.01.1888, vollzogen 12.07.1888, Originalunterschrift König Wilhelm II. v. Preußen

1866 folgte die Beförderung zum Hauptmann und Kompaniechef. Nach dem Feldzug in Böhmen gegen Österreich wechselte er ins gerade dem preußischen Militär zugeordneten Anhaltinischen Infanterieregiment Nr. 93, zwei Jahre später wurde er Direktionsmitglied an der Militär- Schießschule.

Für die Dauer des Deutsch- Französischen Krieges 1870/71 kehrte v. Lettow-Vorbeck ins Regiment zurück und übernahm die 1. Kompanie, mit der er an den Schlachten von Toul, Beaumont und Paris teilnahm.

Er wurde für seinen Einsatz in diesem Feldzug mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und dem Ritterzeichen 1. Klasse mit Schwertern des Hausordens Albrecht des Bären dekoriert – nur 41 der insgesamt knapp über 100 Verleihungen dieser Dekoration erfolgte im 1870/71er Feldzug, nur 14 hiervon gingen ins Anhalter „Hausregiment“ Nr. 93.

1875 wechselte v. Lettow-Vorbeck ins Badische, wurde Major und Bataillonskommandeur im 5. Badischen Infanterieregiment Nr. 113. 1882 folgte die Beförderung zum Oberstleutnant, im Folgejahr gab er sein Bataillon ab und wurde etatsmäßiger Stabsoffizier. Ein kurzes „Zwischenspiel“ führte ihn ins Pommersche Füsilier-Regiment Nr. 34, um dann 1886 unter Beförderung zum Oberst Kommandeur des 3. Magdeburgischen Infanterieregiments Nr. 66 zu werden.

Abb. 4: Genehmigung zum Abschied, Stellung zur Disposition und Verleihung des Charakters als Generalmajor, vollzogen Berlin, 22.3.1889, Originalunterschrift König Wilhelm II. v. Preußen

In dieser Funktion wurde ihm eine weitere kleine Besonderheit zu Teil; der Rote Adlerorden 3. Klasse mit Schleife und Schwertern am Ring.

Diese Dekoration wurde v. Lettow-Vorbeck am 18.01.1888 von König Wilhelm I. verliehen, die Urkunde wurde allerdings erst am 12.07.1888 von seinem Enkel Wilhelm II. vollzogen. Eine so lange Zeitspanne zwischen der Allerhöchsten Kabinettsordre (AKO) der Verleihung und der Ausfertigung der Urkunde ist sehr ungewöhnlich. Interessant ist weiterhin, dass sich Wilhelm II. nicht an die aktuelle „Vorschriftenlage“, sondern an die Vorgabe seines Großvaters Wilhelm I. hielt, was die Applikation „Schwerter am Ring“ angeht. Genau diese hat dessen Sohn König Friedrich III. zur Vereinfachung des Variantenreichtums beim Roten Adlerorden mittels AKO vom 26.03.1888 aufgehoben, Wilhelm II. hat die Schwerter am Ring erst mittels AKO vom 29.10.1889 wieder eingeführt.

Nach den üblichen drei Jahren als Kommandeur scheint ein weiteres Fortkommen für ihn nicht mehr möglich gewesen sein, 1889 wurde v. Lettow-Vorbeck in Genehmigung seines Abschiedsgesuchs mit dem Charakter als Generalmajor zur Disposition gestellt. Er lebte fortan in Kassel, wo er 1920 verstorben ist.

Abschließend soll nun ein intensiverer Blick auf das ominöse „Wallbüchsen- Commando“ im Feldzug 1864 und die damit verbundene - bislang wohl unbekannte - Anerkennungsurkunde geworfen werden;

Zum Feldzug 1864 selbst braucht hier nicht umfänglich ausgeführt werden, der Düppelsturm und der Übergang auf die Insel Alsen sind allseits bekannt.

Das auf der Anerkennungsurkunde aufgeführte „Wallbüchsen- Commando“ ist in der formationsgeschichtlichen Fachliteratur weitgehend unbekannt, hier hilft ein wenig die Regimentsgeschichte und die waffentechnische Fachliteratur.


Wallbüchsen waren seit dem Aufkommen der Schusswaffen bekannt; vereinfacht gesagt handelt es sich um überdimensionale, großkalibrige Gewehre, die im Festungskampf sowohl auf Seiten der Angreifer wie auch der Verteidiger Verwendung fanden. Mit ihnen konnten relativ zielsicher und mit hoher Durchschlagskraft wichtige Einzelziele bekämpft werden.

Mit der Ablösung der Zündnadelgewehre durch das mit fast dreifacher Reichweite schießenden Gewehrs M71 mit Metallpatrone wurden die Wallbüchsen obsolet und 1877 abgeschafft.

Abb. 5: Zeichnung der Wallbüchse M65; aus: Zeitschrift für Heeres- und Uniformkunde Jg. 1943/1, S.16

Abb. 6: Zeichnung nach Major v. Salpius „Vor Düppel 1864, Preußischer Offizier mit Zündnadel- Wallbüchse“; aus: Zeitschrift für Heeres- und Uniformkunde Jg. 1943/1, S.19

Abb. 7 Wallbüchse M65, Sammlung Udo Lander

Für den Feldzug 1864 wurden einige der kurz vor der Einführung stehenden neuen Zündnadel- Wallbüchsen M65 von Johann Nicolaus Dreyse, Sömmerda, als Versuchsstücke für einen Truppenversuch im Felde eingesetzt. Die Waffen hatten ein Kaliber von immerhin 23,5mm und wogen 31kg. Zur Bedienung hatte jede Division 12 gute Schützen zu stellen.

Als Führer des „Wallbüchsen- Commandos“ nahm v. Lettow-Vorbeck am Sturm auf die Düppeler Schanzen wohl recht erfolgreich teil. Die Regimentsgeschichte schreibt hierzu nur kurz: „Auch eine Abtheilung Wallbüchsen unter Befehl des Premierlieutenants v. Lettow stand in der dritten Parallele und feuerte auf jedes sichtbar werdende Ziel in den Schanzen, rief dadurch aber nur desto schärfere Repressalien seitens der Dänen hervor, deren Kosten natürlich die zunächst gelegenen Abtheilungen, also wir, zu zahlen hatten.“ V. Lettow-Vorbeck wurde hierfür mit dem Roten Adler-Orden 4. Klasse mit Schwertern beliehen.

Auch bei der Inbesitznahme der Insel Alsen zeichnete er sich erneut aus. Die Regimentsgeschichte vermerkt: „Inzwischen hatten unsere Boote etwa die Hälfte des Weges über den Alsen-Sund zurückgelegt; die Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute … die Artillerie mischt sich unter die Gewehrsalven, unsererseits wird aus den Booten mit lautem Hurrah und Gewehrschüssen geantwortet, das Bataillon Sechziger und das Wallbüchsenkommando unter Lieutenant v. Lettow beginnt ein nervenerschütterndes Schnellfeuer …“ Hierfür gab es zwar keine Ordensdekoration, aber ihm wurde mittels Allerhöchster Kabinettsordre vom 14. August 1864 eine Belobigung zuteil.

Die vom Oberkommandierenden General Prinz Friedrich Carl v. Preußen ausgestellte Anerkennungsurkunde entspricht in Papier, Format und Gestaltung den gängigen preußischen Urkunden für das Düppel- und Alsenkreuz, von einer professionellen Herstellung in größeren Mengen ist daher auszugehen.

Trotzdem scheint diese Urkunde bis dato in keinem weiteren Exemplar bekannt zu sein. Dies ist insofern verwunderlich, als dass allein in v. Lettow-Vorbecks Regiment 20 Allerhöchste Belobigungen für den Feldzug 1864 ausgesprochen wurden.

Für die tatkräftige Unterstützung bei der Abfassung dieses Artikels bedanke ich mich ganz herzlich bei Ulrich Herr, Dresden, und Daniel Krause, Potsdam.

Abb. 8: Urkunde zum Roten Adlerorden 4. Klasse mit Schwertern für Düppel, vollzogen Berlin, 07.06.1864, Originalunterschrift General d. Inf. v. Brandt, Präses der General- Ordenskommission

Abb. 9: Anerkenntnisurkunde für PremLieut. v. Lettow-Vorbeck „beim Wallbüchsen- Commando“ für gutes Verhalten "bei der Eroberung der Insel Alsen am 29ten Juni 1864" ausgefertigt 14.08.1864, Originalunterschrift Prinz Friedrich Karl v. Preußen

Abb. 10: Urkunde zum Alsenkreuz – die Parallelen zur Anerkennungsurkunde sind augenfällig – Originalunterschrift des Kommandierenden Generals Eberhard Herwarth v. Bittenfeld

Bildnachweis:

Soweit nicht anders angegeben, Sammlung des Verfassers

Quellen:

Geschichte des Anhaltischen Infanterie-Regiments Nr. 93. Mittler & Sohn, Berlin 1895

Geschichte des Infanterieregiments „Generalfeldmarschall Prinz Friedrich Karl von Preußen“ (8.Brandenburgisches Nr. 64), Berlin 1897

Stammliste des Infanterieregiments „Generalfeldmarschall Prinz Friedrich Karl von Preußen“ (8.Brandenburgisches Nr. 64), Oldenburg u. Leipzig 1901

Rolf Wirtgen; „Das Zündnadelgewehr – eine militärtechnische Revolution im 19. Jahrhundert“, Mittler, Herford und Bonn 1991

Zeitschrift für Heeres- und Uniformkunde Jg. 1943/1

1) Siehe: Lehmann, Felix; „Der Rote Adlerorden“, in Rechtshistorische Reihe Nr. 243, 2002, S.133f
2) Zum Lebenslauf siehe u.a. Stammliste des Infanterieregiments „Generalfeldmarschall Prinz Friedrich Karl von Preußen“ (8.Brandenburgisches Nr. 64, Oldenburg u. Leipzig 1901, S.118f
3) Siehe: Zeitschrift für Heeres- und Uniformkunde, Jg. 1943/I, S.16ff
4) Geschichte des Infanterieregiments „Generalfeldmarschall Prinz Friedrich Karl von Preußen“ (8.Brandenburgisches Nr. 64, Berlin 1897, S.82
5) Ebd. S.120
6) Ebd. S.147f

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Der Ordensnachlass Baron Zuylens – einer der frühesten „Bärenträger“

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Baron van Zuylen van Nyevelt